Seit dem 27.12.2021 ist alles anders – du hast dich entschieden, dein irdisches Leben zu verlassen

Du bist nicht, wie verabredet, erreichbar für Mama gewesen. Du wolltest sie von einem Termin abholen. Sie hat dich versucht anzurufen. Ich war mit meiner Familie zu dieser Zeit gerade im Tierpark Lützen. Ich wollte dich am Vormittag fragen, ob du mit uns mitkommen möchtest und habe es doch nicht getan. Vielleicht, weil ich immer noch dachte, dass es dir gesundheitlich gerade nicht so gut geht. Irgendwie war es ja auch so. Später versuchte ich euch zu Hause zu erreichen, um nachzufragen, wie der Termin lief. Ich wunderte mich, dass ihr noch nicht zu Hause ward. Am Nachmittag rief Mama an. Sie fragte aufgeregt, ob ich wüsste, wo du bist. Das Auto sei nicht da, du wärst nicht erreichbar, deine Geldbörse und dein Handy lagen auf deinem Schreibtisch. Mich überkam ein merkwürdiges Gefühl. Irgendetwas stimmte da gewaltig nicht. Das entsprach so gar nicht deiner sonst so zuverlässigen Art. Und niemals, nie nie nie, hast du deine persönlichen Dinge daheim gelassen. Ich hatte Sorge, dass du einen Zuckerschock oder eventuell einen Herzinfarkt oder Schlaganfall haben könntest, die Risiken hattest du, oder irgendwo beim Geocachen gestürzt wärst und nun hilflos irgendwo liegst.Also forschte ich nach, wo du hättest hinfahren können. Ich kannte dich gut und hatte die Idee, dass du Richtung Süden zu den Leipziger Seen gefahren sein könntest. Ich rief die Polizei im Revier Süd an und gab dein Kennzeichen und meine Sorge durch. Sie wollten sich bei mir zurückmelden. Haben sie nie getan. Mir schwante Übles. Tief im Inneren wusste ich es schon. Ich wollte es nicht wahrhaben. So forschte ich weiter. Ich suchte im Internet nach Anhaltspunkten, nach Verkehrsunfällen, Rettungseinsätzen.Und plötzlich ploppte ein aktueller Beitrag auf… Ich las:‚B186: Horrorcrash südlich von Leipzig‘Mir stockte der Atem.Dann sah ich das Foto.Mir wurde schlecht und ich begann am ganzen Körper zu zittern. Ich hatte eiskalte Hände und mein Herz klopfte bis zum Hals. Ich erzählte Thomas, meinem Partner, von meiner Vermutung. Er betreute gerade unseren kleinen Sohn.Ich rief die Polizei in Borna an und erzählte meinen Verdacht.Nach dem Kennzeichenabgleich stand es fest.Du warst es, der in diesem Auto saß.Ich war fassungslos.Wie konnte das passieren? Du warst der beste und sicherste Autofahrer, den ich jemals kannte.Es war glatt an diesem Morgen. Vielleicht ein gesundheitliches Problem am Steuer und dann dieser Unfall?Ich rief Mama an und erzählte ihr, dass du einen tödlichen Unfall hattest und schickte Thomas, um sie zu uns zu holen. Sie hatte einen totalen Nervenzusammenbruch am Telefon.Das Kriseninterventionsteam war schon auf dem Weg zu uns.Die zwei Männer waren wundervoll. Einer beschäftigte sich sehr liebevoll mit unserem Sohn und der andere sprach mit mir. Ich konnte nicht weinen. Ich war zu tiefst schockiert.Ich funktionierte.Etwas anderes war nicht möglich, sonst wäre ich mit Baby im Bauch zusammengebrochen.Als Thomas dann mit Mama ankam, wurden wir alle liebevoll begleitet und betreut.Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch keiner bewusst, dass es kein klassischer Unfall war…
Heute vor 4 Jahren habe ich dich zum letzten Mal gesehen – und deine Entscheidung stand schon vor Weihnachten fest

Heute, am 26.12. vor 4 Jahren verabschiedeten wir uns nach dem Frühstück voneinander.Wir waren bei dir und Mama vom 1. bis zum 2. Weihnachtsfeiertag mit unserem kleinen Sohn. Er war damals 2. Ich war im 4. Monat schwanger mit unserer Tochter. Am Abend des 25.12.21 verkündeten wir euch, dass wir ein Mädchen erwarten.Du hast dir Mühe gegeben, dich zu freuen, doch ich spürte, dass diese Freude nicht echt war. Oder eher überschattet, wenn ich es rückblickend betrachte.Der Morgen des 26.12. war eher still. Dir ging es nicht gut, bekamst kaum einen Bissen hinunter. Ich machte Witze, ob denn das letzte Bier schlecht war.Beim Abschied sagte ich noch, dass wir ja die nächsten Tage mal telefonieren können, vielleicht wollen wir doch gemeinsam Silvester verbringen. Es war gerade C-Zeit und eure gebuchte Veranstaltung fiel leider aus.Der Abschied war etwas verhalten. Vielleicht, weil es dir nicht so gut ging, dachte ich. Dass du an diesem Tag aber schon längst wusstest, was du am nächsten Tag tun würdest, konnte keiner von uns ahnen…